Annette von Droste-Hülshoff - Carpe Diem


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Alt 22.02.2003, 00:25   #1 (permalink)
Annette von Droste-Hülshoff - Carpe Diem

Annette von Droste-Hülshoff

Carpe Diem!

Pflücke die Stunde, wär sie noch so blaß,
Ein falbes Moos, vom Dunst des Moores naß
Ein farblos Blümchen flatternd auf der Heide,
Ach einst von Allem träumt die Seele süß
Von Allem was, ihr eigen, sie verließ
Und mancher Seufzer gilt entflohnem Leide.

In Alles senkt sie Blutes Tropfen ein
Legt Perlen aus dem heilig tiefsten Schrein,
Bewußtlos, selbst in grauverhängte Stunden
Steigt oft ein unklar Sehnen dir empor
Du schaust vielleicht wie durch Gewölkes Flor,
Nach Tagen, längst vergessen doch empfunden,

Wer, der an seine Kinderzeit gedenkt
Als die Vokabeln ihn in Noth versenkt
Wer möchte nicht ein Kind seyn und sich grauen,
Ja der Gefangne, der die Wand beschrieb
Fühlt er nach Jahren Glückes nicht den Trieb
Die alten Sprüche einmal noch zu schauen?

Wohl giebt es Stunden die so ganz verhaßt
Daß dem Gedächtniß eine Centnerlast,
Wir ihren Schatten abzuwälzen sorgen,
Doch selten schickt sie uns des Himmels Zorn
Und meistens ist darin ein giftger Dorn
Der Moderwurm geheimer Schuld verborgen.

Drum wer noch eines Blickes nach Oben werth
Der nehme was an Liebem ihm bescheert,
Die stolze wie die Stund im schlichten Kleide
Der schlürfe jeden stillen Tropfen Thau
Und spiegelt drin sich nicht des Aethers Blau
So lispelt drüber wohl die fromme Weide.

Freu dich an deines Säuglings Lächeln freu
Dich an des Jauchzens ungewissem Schrey
Mit dem er streckt die lebensfrohen Glieder
Wär zehnmal stolzer auch was dich durchweht
Wenn er vor dir dareinst, ein Jüngling, steht
Dein lächelnd Kindlein giebt er dir nicht wieder.

Freu dich des Freundes eh zum Greis er reift
Erfahrung ihm die kühne Stirn gestreift
Von seiner Scheitel Grabesblumen wehen,
Freu dich des Greises, schau ihm lange nach
In Kurzem gäbst vielleicht du manchen Tag
Um einmal noch das graue Haupt zu sehen

O wer nur ernst und fest die Stunde greift
Den Kranz ihr auch von bleicher Locke streift
Dem kann sie nicht entgehn, die reichste Beute
Doch wir, wir Thoren drängen sie zurück
Vor uns die Hoffnung – hinter uns das Glück
Und unsre Morgen morden unsre Heute.
__________________
Gruss
faulwurf
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Alt 22.02.2003, 00:29   #2 (permalink)
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__________________
Gruss
faulwurf
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