Drachenkinder - Rabeneltern


Literatur Bücher, Autoren, Gedichte, Geschichten etc.

Antwort
 
Themen-Optionen
Alt 07.06.2005, 07:04   #1 (permalink)
ABC
Pfeil Drachenkinder - Rabeneltern

Fortsetzungsroman "Drachenkinder - Rabeneltern"


KAPITEL I

„Furchtbar… langweilig…niederschmetternd…“, dachte Loki, als sie mit dem Bus durch die verregneten Straßen Weinburgs fuhr. Es war noch dunkel und es schien, als wurde sich das nie ändern. Der Bus hielt am Bahnhof. Wie gehetztes Wild stiegen die Pendler hastig ein, um den riesigen Regentropfen zu entkommen. Durch die beschlagene Busscheiben sah Loki den Regen als glänzende Flächen auf dem schwarzen Asphalt, Lichter wurden zu verschwommenen Sternen in den leblosen Straßen. Dieser Morgen ist einfach unerträglich, seufzte Loki im Gedanken und schaute um sich. Sie war auf dem Weg zur ersten Pädagogikvorlesung des Tages, inmitten von feuchten Anoraks, durchnässten Menschen mit strähnigen Haaren und missmutigen Blicken. „Hier bekommt der Ausdruck, ein Gesicht wie drei Tage Regenwetter zu haben, eine ganz neue Bedeutung“, kam Loki in den Sinn und fast hätte sie geschmunzelt. Doch dann fiel ein Tropfen aus einem triefenden Regenschirm, den einer der „Neuen“ über ihr ins Gepäcknetz gestopft hatte, nur wenige Zentimeter an Lokis Nase vorbei direkt auf ihren linken Turnschuh, der sowieso schon völlig durchnässt war. Gleich mehrere unangenehme Gefühle kamen schlagartig in Loki hoch: Wut auf den Fremden, Zerstörungswut gegen den Regenschirm und nicht zuletzt das Gefühl kalter, feuchter Zehen. „Hey!“ war alles, was sie hervorbrachte, bevor sie aufsprang, um den Regenschirm aus dem Gepäcknetz zu reißen und dem Fremden in sein Gesicht zu werfen. Doch dann fiel ihr Blick auf einen Zettel, der nun – ebenfalls durchnässt – unter dem Schirm lag.


GUTSCHEIN


stand darauf. Loki hob den Schirm an und schob ihn bösartig lächelnd über den Kopf seines nichts ahnenden Besitzers, der mit dem Rücken zu ihr - und offenbar auch auf seinen Ohren - saß. Sie nahm den Zettel, der sich schon von der Feuchtigkeit wellte, setzte sich wieder und dreht ihn um.


kostenlose Beratung (1 Std)
bei Madame Esmeralda
am 2. November, 10 Uhr
Mediale und spirituelle Beratung
Professioneller Expertenrat rund um Astrologie, Kartenlegen, Magie, Tarot, Hellsehen und „Wahrsagen“
Hinter den Höfen 7, Weinburg

Loki schaute auf ihre Uhr. Kurz vor 8. Die Vorlesung sollte um 9 Uhr beginnen und würde erst um 11 zu Ende sein. Da kam auch schon die Haltestelle der Universitätsstraße in Sicht, an der Loki aussteigen musste. Der Bus hielt, die Türen schwangen mit dem Schnaufen der Hydraulik auf, aber Loki blieb sitzen. Eigentlich schwänzte sie selten eine Vorlesung, eigentlich glaubte sie nicht an Kartenlegen und so einen Schnickschnack, aber eigentlich war dieser Gutschein das Beste, was ihr an diesem Tag zwischen die Finger gekommen war. Vielleicht ein Zeichen, dachte Loki und verwarf diesen Gedanken gleich wieder. „Schicksal, Glück, Vorhersehung - das ist doch alles Pillepalle.“
Aber wer würde sich eine solche Chance entgehen lassen, einer Wahrsagerin ohne Risiko auf den Zahn fühlen zu können, ohne Geld zu verlieren; zu testen, was sie wirklich kann – Loki bestimmt nicht. Jetzt ist es eh zu spät, um umzukehren, dachte Loki ohne Bedauern, als die Bustüren langsam zuschwangen und der Bus ruckelnd anfuhr.
Neugierde und das Bedürfnis, selbst herausfinden zu wollen, was als herausgefunden galt, waren Eigenschaften, die Loki nur schwer verbergen konnte – verbunden mit einer ausgeprägten Angst vor ihrer eigenen Ungeschicklichkeit. Aber was sollte hier schon passieren - außer, dass die Wahrsagerin ziemlich dumme Sachen sagen würde, die Loki sowieso nicht ernst nehmen wollte? Die Angelegenheit war ein willkommener Ersatz für die langweilige Vorlesung, bei der Loki wahrscheinlich wieder vom unerträglichen Geruch ihres aufdringlichen Tischnachbarn abgelenkt worden wäre. Ihr bester Freund Michel machte sich immer wieder gerne darüber lustig, dass sich „ihr kleiner riechender Verehrer“ jede Woche wieder freudestrahlend in ihrer Nähe platzierte, selbst wenn sie sich noch so gut unter den 150 Studenten im Hörsaal versteckte. Sie wusste noch nicht mal, wie der Knilch hieß, der sie nach der Vorlesung immer wieder fragte, ob sie einen Kaffee mit ihm trinken wolle. Und plötzlich tat er ihr fast leid, weil er sich unerfüllbare Hoffnungen machte. Vielleicht sollte sie ehrlich zu ihm sein…
Apropos ehrlich, apropos schlechtes Gewissen: Sollte sie etwa den Gutschein Gutschein sein lassen? Schließlich hatte ihn jemand verloren und Fundstücke darf man nicht behalten. Drehst du jetzt völlig durch, fragte sich Loki selbst und strich sich entschlossen die schwarzen Haare aus dem Gesicht. Sie schaute vom Zettel auf und merkte gerade noch rechtzeitig, dass sie beinahe die Haltestelle verpasst hätte, an der sie aussteigen wollte. Schluss mit der Grübelei, sagte sie sich entschieden, während sie aufstand und den Knopf drückte, der die hintere Tür aufgehen ließ. Loki stieg aus und schaute sich um. Endlich hatte es aufgehört zu regnen und Sonnenstrahlen brachen wie Laser aus den Wolken. Wohin jetzt? Es war gerademal halb 9, noch anderthalb Stunden bis zum Termin mit Madame Esmeralda. Was für ein schwachsinniger Name, dachte Loki, wie aus einem schlechten Film. Wahrscheinlich trägt sie ein dunkles Kopftuch mit Quasten, riesige Creolen an den Ohren, wallende Kleider, spricht mit osteuropäischen Akzent und heißt eigentlich Jutta Brechwurst-Schröder.
Loki ging zum Schaufenster einer Boutique und sah sich die Auslage an. „Kleid im Lingerielook mit Spitzenbesatz und zusätzlicher Tüll-Lage: Runway-Outfit von Nina Ricci“und „Subtile Sexiness gepaart mit sportlicher Eleganz - die Aigner-Frau versteht es, sich perfekt in Szene zu setzen“. Loki zog eine Augenbraue hoch und betrachtete ihr Spiegelbild: Jeans, leicht durchnässte Turnschuhe, schwarzer Kapuzenpulli und eine Jacke, die auch schon bessere Tage gesehen hatte. „Für den Übergang ist die noch gut genug“, hätte ihre Mutter gesagt. Ich muss mal wieder zum Friseur, dachte Loki, und drehte ihren Kopf, um ihre schulterlangen Haare zu begutachten. Eine richtige Frisur, das wäre mal was ganz Neues, bisher hatte sie ihre Haare immer so getragen, wie sie fielen, und das war alles andere als geordnet. Und schließlich würde sie bald ihr Diplom als Pädagogin in der Tasche haben und das Studentenleben gegen einen richtigen Beruf tauschen müssen – dann zählt das Aussehen mehr als an der Uni. Loki seufzte. Das Pädagogikstudium war nicht mehr als eine Notlösung gewesen, weil sie nach dem Abitur nicht wusste, was sie tun sollte. Wegen Paul hatte sie sich an der Fakultät eingeschrieben, aber nach zwei Jahren war ihre Beziehung in die Brüche gegangen, weil er sich seine Noten für das Seminar bei Frau Professor Gansbrot durch körperlichen Einsatz verbessert hatte.
Loki schüttelte den Kopf, um die Erinnerung daran loszuwerden. Anderes Thema, dachte sie und schlenderte weiter. Bis „Hinter den Höfen“, wo Madame Esmeralda die Glaskugel schwang, war es noch ein ganzes Stück. Loki kannte die Straße, denn sie hatte dort im vergangene Jahr in den Semesterferien in einer kleinen Pension als Zimmermädchen gearbeitet. Das war leicht verdientes Geld gewesen, denn in die engen Gassen dieses Stadtteils verirrte sich kaum ein Tourist und so hatte sie die meiste Zeit in Magazinen lesen können statt Betten zu machen. Irgendwo hatte Loki mal aufgeschnappt, dass dieser Bezirk im 15. Jahrhundert „Hanger de Mur“ genannt wurde, weil er jenseits der Stadtmauer lag. Kranke und Verstoßene lebten hier zwischen den so genannten Hübschlerinnen, die den Bürgern aus der Stadt ihre Liebesdienste anboten.
Heute war es einer der ältesten Bezirke der Stadt, mit schiefen Häuser, die wie die Tauben aufeinander zu hocken schienen, Kopfsteinpflaster, auf dem jedes vorbei fahrende Auto so laut wie eine Maschinengewehrsalve klang und aus Holz geschnitzten Fratzen an den Dachgiebeln.
Da noch immer gut eine Stunde Zeit war, nutzte Loki die Gelegenheit, als sie einen antiquarisch anmutenden Friseursalon „Für Sie & Ihn“ entdeckte. 50 Minuten später hatte sie einen neuen Haarschnitt, den ihr die junge Tochter des Inhabers verpasst hatte, und war bestens informiert über die neuesten Eklats der Royals dieser Welt. Mit etwas kürzeren Haaren – die „Ihr hünsches Gesicht besser zu gelten kommen lassen“ - und frisch geföhnt – für mehr Schwungkraft – traf Loki kurz vor 10 vor dem Haus von Madame Esmeralda an. Das Gartentor, an dem die grüne Farbe bereits abblätterte, tat Loki den Gefallen und quietschte unheimlich, als sie es aufdrückte. „Wahrscheinlich öffnet sich gleich die Haustür wie von Geisterhand, weil die große Seherin die Vision hatte, dass ich komme würde“, orakelte Loki, aber nichts dergeleichen geschah. Ganz im Gegenteil, niemand öffnete, selbst nach dem zweiten Klingeln nicht. Na toll, dachte Loki, da habe ich wohl den ganzen Weg umsonst gemacht.
„Komm rein!“, hörte sie dann jemanden rufen. Überrascht, das doch jemand zuhause war, betrat Loki das Haus. Und wurde wie sie erwartet hatte, beinahe erschlagen von so viel offensichlicher Mystik. Bereits im Flur hingen afrikanische Masken neben ägyptischen Hieroglyphen auf Papyrus, Amuletten und Hufeisen waren über jeder Tür angebracht, und sogar die Tapete trug aufdringliche Ornamente. Das kann ja heiter werden, dachte sich Loki misstrauisch und schaute nach rechts durch die erste offene Tür. Es war offenbar das Arbeitszimmer von Madame Esmeralda, in dem ihre Kunden die „Mediale und spirituelle Beratung“ erhielten. Alles war genauso wie Loki es sich vorgestellt hatte: dunkle, schwere Tücher verhüllten die Wände und Fenster, Tarotkarten lagen auf einem runden Tisch neben Glaskugel und Pendel. Fehlen nur noch Totenschädel und Voodoo-Puppe, spottete Loki und war froh, dass sie diesen Gedanken nicht laut ausgesprochen hatte. Hinter einem verschnörkelten Paravent trat eine Frau hervor, offenbar Madame Esmeralda. „Entschuldige, dass ich dich warten ließ, ich habe noch nach Kerzen gesucht - gegen die Motten“, sagte sie lächelnd und setzte sich in den Korbstuhl. Sie zeigte auf den anderen Stuhl. „Nimm Platz.“
Loki war erstaunt. Diese Dame wirkte gar nicht so abgehoben wie ihr Zuhause. Okay, sie trug ein langes, weißes Kleid, dass ihren offenbar fülligen Körper eine wabernde Unform verlieh, hatte eine eigentümliche Steckfrisur und ein Holzamulett, dass sie offenbar selbst geschnitzt hatte. Aber ihre Augen schauten sehr symphatisch aus einem faltigen Gesicht heraus, freundlich, klug und irgendwie verschmitzt. „Du bist heute zu mir gekommen, um mehr über dich, deine Vergangenheit und Zukunft zu erfahren,“ sagte die weißgekleidete Frau und stellte die Glaskugel zur Seite. Das war ja nicht schwer zu erraten, dachte Loki und sagte: „Ich habe einen Gutschein.“
Mit ernstem Blick und leiser Stimme sagte die geheimnisvolle Alte: „Vieles ist nicht so wie es scheint. Was die Zukunft bringt, kann lange hinter einem Schleier verborgen bleiben. Wenn er sich lüftet, wirst du wissen, was zu tun ist. Du wirst tausendfach dein Leben aufs Spiel setzen müssen, um die Menschheit vor dem Leviathan zu erlösen. “ Entgeistert starrte Loki die Frau an.
Plötzlich fing diese an schallend zu lachen, warf den Kopf zurück, haute sich auf die Schenkel und zeigte mit dem Finger immer wieder auf Loki, die vor Verwunderung kein Wort herausbekam. Schließlich wischte sich die alte Dame außer Atem die Lachtränen von den Wangen und kicherte: „Entschuldige, aber dein Blick... der war einfach zum Totlachen... zum Schießen komisch...“, sagte sie und legte Loki beschwichtigend die Hand auf den Arm.
Loki stieß die Hand verärgert weg. „Jaja, irrsinnig komisch. Genauso irrsinnig, wie hierherzukommen.“ Sie stand auf, drehte sich um und wollte gehen. „Bleib noch.“ Die weißgekleidete Frau stand plötzlich in der Tür und versperrte Loki den Weg nach draußen. „Hey, wie haben Sie das gemacht, Sie haben doch eben noch auf dem Stuhl... ach, ist ja auch egal, ein Affenzirkus ist das hier“, schimpfte Loki, die sich nur schwer beruhigen konnte, wenn sie einmal aufgebracht war. „Setz dich bitte, ich muss dir was erklären“, sagt die Frau und schob Loki zurück zu ihrem Platz.
„Gut. Ich wüsste gern mal, was das alles hier soll. Ich dachte, wir würden ein bis zwei Runden Tarot spielen“, nörgelte Loki und ließ sich in den Korbstuhl fallen. „Tarot ist Schwachsinn, das weißt du doch selbst,“ antwortete die Frau und zupfte sich ihr Kleid zurecht, „aber was du gleich erfahren wirst, klingt nicht weniger danach. Du wirst mir nicht glauben wollen, wirst aufspringen und weggehen wollen. Deshalb versprich mir vorher, dass du dir anhörst, was ich dir zu sagen habe.“ Sie hielt Loki die rechte Hand hin, um das Versprechen zu besiegeln. Loki schlug ein – und plötzlich wurde ihr schwarz vor Augen. Das tosende Rauschen ihres Blutes in ihrem Ohr überwältigte sie und sie sank ohnmächtig zusammen.


KAPITEL II

Ein Vogel zwitscherte, es roch nach Frühling und Gras kitzelte Loki an den Armen. Sie öffnete die Augen und schaute in einen cyanblauen Himmel mit einigen gleißend weißen Wölkchen. Loki setzte sich verwirrt auf und entdeckte die alte Dame, die neben ihr im Schneidersitz saß und mit geschlossenen Augen die Sonnenstrahlen genoss. „Wunderschön hier, nicht wahr?“ Loki ließ ihren Blick schweifen, sah grün bewachsene Hügel mit einigen großen, grauen Felsbrocken, kugelige Büsche mit roten Blüten, die von surrenden Bienen wimmelten, und einen See, in dessen grau-blauem Wasser sich die Wolken spiegelte. Jede Wolke war als Schatten auf dem Land zu sehen, langsam vorüberziehend, von einer leichten Brise getrieben. Trotz dieser märchenhaften Stimmung war Loki schon wieder leicht zickig. „Wo bin ich hier, warum und wie bin ich hiergekommen und wer, verdammtnochmal, sind Sie?“
„Ich habe dir eine Erklärung versprochen, aber ich wusste, du würdest dein Versprechen, mir erst mal zuzuhören, sowieso nicht halten können. Deshalb und weil du mir sonst nicht glauben würdest, habe ich dich hierhergebracht, nach Gréasánd. Ich bin nicht Madame Esmeralda, wie du dir sicher schon gedacht hast. Ich bin Lilofaé, eine Scríofa. Jemand, der andere zwischen den Welten wandeln lassen kann – so eine Art Taxifahrer oder Beamer. Nur wir finden den Übergang zwischen der Welt, in der du jetzt eigentlich eine Pädagogikvorlesung hättest und dieser hier, die Anhaín genannt wird.“
Loki wurde übel. Eine Irre hatte sie betäubt, verschleppt und sie hatte keinen blassen Schimmer, wo sie sich befand!

WIE ES WEITERGEHT: www.barbara-ochs.de
ABC ist offline   Mit Zitat antworten

Alt 24.06.2005, 12:08   #2 (permalink)
ABC
AW: Drachenkinder - Rabeneltern

Kapitel IV von "Drachenkinder - Rabeneltern" ist online!

Viel Spaß beim Lesen!
ABC ist offline   Mit Zitat antworten
Antwort

Themen-Optionen

Forumregeln
Es ist dir nicht erlaubt, neue Themen zu verfassen.
Es ist dir nicht erlaubt, auf Beiträge zu antworten.
Es ist dir nicht erlaubt, Anhänge hochzuladen.
Es ist dir nicht erlaubt, deine Beiträge zu bearbeiten.

BB-Code ist an.
Smileys sind an.
[IMG] Code ist an.
HTML-Code ist aus.
Trackbacks are an
Pingbacks are an
Refbacks are aus
Gehe zu



Alle Zeitangaben in WEZ +1. Es ist jetzt 09:12 Uhr.
Powered by vBulletin® Copyright ©2000 - 2008, Jelsoft Enterprises Ltd. | SEO by vBSEO 3.2.0 ©2008, Crawlability, Inc.
Copyright ©2008, BoardPlanet.net | Style enhanced by digital-anger.de