Festivalberichte - Rock am Ring 2005


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Alt 09.06.2005, 10:58   #1 (permalink)
Festivalberichte - Rock am Ring 2005

So dann mach ich das jetzt doch noch bevor ich mich wieder schlafen lege


Die Vorbedingungen: 107 € weniger in der Tasche, eine anstehende Klausur direkt nach dem Festivalwochende, und eine wiedergekehrte "Mud, Blood and Beer"-Attitude pünktlich am Donnerstag, den 02.06.05.

Der Plan: Leben und sterben wie ein Toastbrot im Regen, campen, Dosenbier trinken, hüpfen und 4-5 Tage in der Anarchie leben.

Die Protagonisten: Overdose, Spreeward, ganz kurz auch TIP und erfreulicherweise geben auch AndiTheke und K-Dog ein Gastspiel.

und was draus wurde:

Kapitel 1 - Also hau ich ab, mit Sack und Pack...

Es ist Donnerstag Morgen. Ich liege im Bett meiner Freundin, die schon wach ist und mir äusserst zuvorkommend mein Frühstück macht. Wer tagelang seine Ernährung auf Minimalbetrieb und Dosenbier umstellt, soll doch bitte vorher nochwas ordentliches zu essen bekommen. Dann die Sachen gepackt und mit Zelt, Schlafsack und sonstigem Gepäck im Zug von Köln nach Düren. Mein bester Kumpel holt mich ab und wir machen noch einen kleinen Abstecher in den Supermarkt (Campingstühle für wenig Geld sind mitunter das Beste) und nach Hause. Mama hat Mittag gekocht und ist somit die zweite Frau, die heute noch keine Mühen und Kosten scheut mir einen ernährerischen Unterbau zu schaffen, mit dem ich zumindest 2 Tage Rock am Ring wenigstens rein theoretisch überleben sollte. Nun gut, jetzt geht's endlich los. Die Pferde gesattelt, den Kühlschrank der Tanke um die erste Dosen erleichtert. Nach anderthalb Stunden langer Autofahrt erreichen wir den Nürburgring. Mittlerweile ist es auch allerhöchste Eisenbahn, denn bislang machte sich meine Blase auch nicht bemerkbar, jetzt aber aus heiterem Himmel. Erleichtert in mehrfacher Hinsicht und das Gepäck auf Rücken, an Armen, Beinen und einer Hand (eine muss schliesslich für das Bier übrig bleiben) noch eben zur Bändchenausgabe. Orange ist es. Ich wollte doch ein rotes. Das sind die Sorgen der gequälten Kreatur, Werther lässt grüssen. Nachdem man die eigenen Leute (richtige Hardcore-Ringer sind mindestens Mittwochs schon da) gefunden hat, das Zelt auch schnell steht, hab ich mir eine Pause ja mal richtig verdient. Bier und Tabak en Masse bis der Anruf einiger Anreisenden kommt. Also doch wieder hoch zum Eingang und Gepäck einsammeln. Und da die Ordner am Eingang so bequeme Stühle haben, setze ich mich dort hin und betrinke mich weiter. Plötzlich eine brilliante Geschäftsidee! Jeder Besucher muss 5€ Müllpfand an die Ordner abdrücken und bekommt dafür einen Müllsack, den er dann am Ende des Wochenende gefüllt wieder gegen seine Eurodollar eintauschen kann. Und weil man eben schonmal neben dem Karton mit den Säcken sitzt, packt man an 50 davon in das Gepäck. 50 mal 5 € sind nach Adam Riese unglaubliche 250 € Gewinn! Leider war dieser kapitalistische Plan im Endeffekt sinnlos, da ohne Pfandmarken auch kein Geld zurückgegeben wird. Schade drum. Nunja, laut Erzählungen und ganz dunklen Erinnerungen meinerseits gab's dann die erste Begegnung mit Andi und dem Hund. Laut ihnen soll ich wohl hauptsächlich dumm aus der Wäsche geguckt und komische Laute von mir gegeben haben, was ich allerdings aus Prinzip schon entschieden dementieren möchte. Ein paar hundert Dosen Bier (47 Paletten pfandfrei aus Holland importiert rocken übrigens die Bude!) später habe ich mich dann zu Fuss auf eine kleine Weltreise gemacht. Von Campingplatz A5 nach D6. Unglaublich lange hat's gedauert und zwischendrin bin ich noch getrampt bis ich beim Platz meines Punkerkommilitonen ankam um mir dort den Rest zu geben. Der Rückweg war entschieden leichter zu bewältigen. Irgendwie liefen die Beine da schon von Alleine...

Kapitel 2 - Teppich gegessen, viel Sonne und mein Abend mit und als Keith Caputo

Guten Morgen, mein Schädel brummt, im Zelt sind's 30°C und ich fühle mich als hätte ich eine Filzmatte im Mund. Lecker! "Ein Volk steht wieder auf, na toll, bei Aldi brennt noch Licht...". Nix wie raus da und erstmal hingesetzt. Was sagt die Uhr? 8:30? Ach du scheisse, ich bin doch eben erst ins Bett. Trotzdem gibt's kein zurück, im Zelt ist es einfach zu heiss und so ein kürzlich erstandener Campingstuhl kann auch ganz bequem sein. Die nächsten 2 Stunden sage ich mal gar nix mehr und konzentriere mich lieber darauf irgendwann heute mal wieder so ein Biergetränk herunter zu bekommen. Bin ja nicht zum Spass hier! Ein Blick in den Himmel eröffnet unverhofft gute Laune. Keine Wolke in Sicht und die Sonne fängt auch an zu brennen. So sieht dann auch der Rest des Vormittags aus. Sitzen und Biertrinken. War ein Fehler im Nachhinein. Der Sonnenbrand ist nicht von schlechten Eltern und sollte im späteren Verlauf des Tages noch sehr fatal werden. Aber genug davon. Das erste Konzert steht an. 14:45, Mando Diao auf der Centerstage. Purer Rock 'n' Roll aus Schweden, eine gute Songsauswahl und der Krachersong als letztes. Ich hab sogar zwischen all den Leute ein Moshpit aufgetan und meine helle Freude daran gefunden. Als ich da wieder raus bin bemerke ich zum ersten Mal, dass meine Arme, Knie und Beine komplett verbrannt sind und nachdem Vollkontaktgehüpfe nun wirklich weh tun. Verdammt! Im Anschluss spielen Weezer ihre grössten Hits und das blosse rumstehen und mitsingen erweist sich als ebenso nett wie erholsam. Danach den Studikollegen von gestern Abend treffen und zurück zu Ground Zero (meinen Zeltplatz). Erfreut sehen meine Augen ein weiteres Highlight am heutigen Tag. Mister Overdose persönlich steht vollbepackt und bereit zum Einlass auf den Platz. Einige innig-herzliche Momente später ("und gesucht und gefunden, in der Einsicht verbunden...")watschel ich weiter. An dieser Stelle folgt einfach mal wieder der Hauptprogrammpunkt Dosenbier und Campingstuhl mit ab und zu stattfindenen "Flunky Ball" Runden gegen spontan kennengelernte Menschen aus ganz Deutschland, bei denen wir übrigens nicht einmal verloren haben. Da kann man sich ruhig mal auf die linke Schulter klopfen. Zu Life of Agony geht's dann wieder hoch zu den Bühnen. Neben einem schönen Konzert (ohne Let's pretend, verdammte Hacke nochmal!) gewinnt man die Einsicht, dass Caputo mit Abstand der hässlichste Sänger der Welt ist. Zumindest wenn er singt. Selbst Menschen mit Hodenentzündungen würden nie im Leben derart gequälte Gesichter ziehen. Danach Bestandsaufnahme der physischen Verfassung. Nicht so gut. Voll wie hundert Russen und die Sonne ist weg. Mittlerweile ist es richtig kalt und ich sehe langsam ein, dass ich mir wohl einen Sonnenstich geholt habe. Ich zittere wie ein nackter 4jähriger im Schnee. Vor der Alternastage liegen und ausruhen scheint erstmal ein guter Plan. Bis Within Temptation anfangen zu trällern. Das hält ja niemand aus! Also rüber zum Talent-Forum und dahin legen. Ist genauso kalt aber immerhin knüppeln Unearth so viel sie können. Ein kurzer Abstecher ins örtliche Schisha Zelt und anschliessen noch ein bisschen bei Caliban herumliegen erweist sich alles als zwecklos. Ich muss mich warm einpacken gehen und schlafen. In Flames und Prodigy sind damit ausser Reichweite. Schade eigentlich. Na dann gute Nacht.

Kapitel 3 - Hol' mal den Hund An di(e) Theke und Schweden in weissen Anzügen

Guten Moooooorgen! Die Nacht war scheisse. Alle 5 Minuten ein Wechsel zwischen eiskalt und schweineheiss. An dem Sonnenstich zweifle ich nun gar nicht mehr. Dafür hat sich der Körper nach dem obligatorischem Kater flux auf Bierdauerbetankung eingestellt. Hurra! Also fangen wir damit gleich mal an. Mit Overdose und anderen ins grosse Zelt und Tür zu und kalt und Wind bleibt schön draussen. Schön auch das TIP einen kleinen besucherlichen Abstecher zum Festival macht und uns Gesellschaft leistet. Ich weiss gar nicht wie lange wir hier schon sitzen und uns zuballern als plötzlich eine vertraute Gestalt den Hang herunter stolpert um sich zu erleichtern. Andi Theke! Grossartig! Der nimmt und auch gleich mit zum geselligen Biertrinken. Das lässt man sich natürlich nicht 2 mal sagen und marschiert brav hinterher um schliesslich den K-Dog anzutreffen. Die spendablen Menschen lassen uns unter ihren Pavillon (mittlerweile regnet es richtig) und versorgen uns karikativ mit Bier. Danke an dieser Stelle nochmal! Aber was steht denn heute eigentlich auf dem Programm? Ach richtig, es ist der Samstag und so wirklich umhauen tut mich da Line-Up-mässig nichts ausser den Hives. Basti und ich steigen schliesslich mit Tocotronic ein. Ganz klischégetreu fängt es mit dem ersten Drumstick, der die Felle berührt, an zu regnen. Hurra! So muss das sein, wenn schon Hamburg, dann auch richtig. Das Konzert war unspektakulär aber nicht schlecht. Vor allem aber viel zu kurz und ohne die Songs, die jeder hören wollte. Von wegen "Let there be Rock"...schön wär's gewesen. Nachdem wir dann im Schischa-Zelt unsere Pfeife zu Ende gepieft haben, genug schöne Frauen angestarrt haben und so weiter und sofort, wollen wir zu den Hives. Auf dem Weg höre ich beim Soundcheck auf dem Talent Forum die erste Takte eines Soulwax-Stückes. Coolo, da bleiben wir doch noch eben...und schauen Jimmy Hendrix (der sah wirklich so aus!) beim halbstündigen Soundcheck zu. Total albern, insofern haben wir dann auch nur 2 richtige Stücke mitbekommen, bevor wir weg mussten. Die Hives um 0:15 Uhr gehen logischerweise vor. Rock'n'Roll pur, total beknackte, weisse Anzüge und ein Haufen dumme Sprüche. So muss das sein, so mag ich das. Das Konzert ist durchweg klasse und macht riesig Spass. Ich bin zwar ebenso wie mein Mithüpfer Overdose eigentlich völlig im Eimer aber gebe alles. Eigentlich stehen dann ja noch die Chemical Brothers auf der Wünschliste, aber die spielen erst um 2:00 Uhr. Der Körperstatus sagt jedoch: "Gerockt!" und so machen wir uns auf zum Zelt und schlafen mit dem Gedanken an den "Maaaain Offender!" ein. Danke Hives, gute Nacht.

Kapitel 4 - Mit dem Kettcar in eine bessere Welt

Für mich heisst es heute Abend Abschied nehmen vom Festival. Ich habe leider keine Möglichkeit anders nach Hause zu kommen und muss mit meinem Kommilitonen zu später Stund nach Aachen fahren, bei ihm pennen, und Montag morgens mit dem Zug nach Köln um pünktlich um 14 Uhr in der Klausur zu sitzen, für die ich weder gelernt noch Lust habe. Darum besteht mein erster Programmpunkt heute aus einem weiteren Fussmarsch nach D6, wo der gute ja campt um mein Gepäck dorthin zu bringen. Angekommen bauen wir noch ihr Lager ab und verpacken alles im Bully. Viel zu anstrengend aber ich bin froh, dass die mich mitnehmen. Gesagt, getan, geschafft. Jetzt spielen die Hellacopters. Ich habe mir mehr versprochen und bin ein wenig enttäuscht. Es kann einfach nicht alles toll sein. Und toll wird heute noch anderes. Ich freue mich schon seit Tagen auf das Kettcar-Konzert. Die Band macht mich wahnsinnig und da kaufe ich mir noch schnell ein T-Shirt - "Auf deinem Shirt, steh'n die Dinge, die Du gerne wärst, nicht die Du bist...". - und rase mit sehr guter Laune zurück zum Zelt und meine Leute zu animieren. Overdose hat mittlerweile keine Stimme mehr und ich benehme mich wie Flubber auf Koks weil die Vorfreude gerade meine Dimensionen sprengt. Dann ist es endlich soweit. Wir haben uns nach vorne gekämpft und erwarten ungeduldig Marcus Wiebusch und seine Band Kettcar. Sie kommen raus und spielen ein Konzert der Extraklasse. Die Songsauswahl ist bombastisch und wir setzen meines Wissens nach nicht eine Zeile aus. Egal ob man noch Stimme hat oder nicht. Erwähnenswert ist noch das sich der Gitarrist im Verlauf des Konzerts bei vielen Bands und sich selber bedankt, wegen einer Initiative von Musikern die nur unter der Bedingung, dass die Onkelz nicht spielen, beim Rock am Ring auftreten. Beide Daumen (die gebrochenen von Carlos Santana) hoch und grosser Applaus für diese Geste. Nachdem Wiebusch seine Zugabe gegeben hat, habe ich ehrlich gesagt Glückstrennen in den Augen und möchte am liebsten einfach in den Himmel aufsteigen. Geht aber nicht, weil jetzt wird's nochmal richtig voll. Fettes Brot schliessen an Kettcar an und ziehen Unmengen Zuschauer hinein. Sehr cooler Auftritt, nette Show, nette Hamburger. Und die "Nordish by Nature" Version auf der Ghostbusters-Melodie hat wirklich Spass gemacht.
Nun muss ich mich von meinen Leuten verabschieden und treffe Simon, den Kerl aus Aachen. Ich dachte eigentlich wir fahren jetzt, aber so ein Mädchen von denen will unbedingt noch Adam Green sehen. Ich will das nicht um beim zusehen wird's auch nicht besser. Im Gegenteil. Der Typ hat sie nicht mehr alle und die Bühnenshow kann man auch nicht als Klamauk abtun. Das ist einfach gestört und nicht lustig. Dem Himmel sei Dank geht auch das zu Ende und wir verlassen mit den Klängen der Helden den Nürburgring für dieses Jahr.

Kapitel 5 - Abspann

"Ist man jetzt, wo man nicht mehr high ist, froh das es vorbei ist?"

Es ist vorbei und wieder einmal bin ich völlig fertig. Aber wieder einmal hat es sich gelohnt soviel Geld auszugeben. Es waren tolle Konzerte und eine prima Stimmung. Die Klausur ging glücklicherweise auch noch klar. Und vor Allem auch dieses Jahr wieder der Beweis, dass Anarchie im Mikrokosmos (@Basti) funktionieren kann. Um mit den Worten Kettcars zu schliessen:

"Frieden ist wenn alle gleich sind."
__________________
Die beste Chance die ihr je hattet!
Spreeward ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 09.06.2005, 11:18   #2 (permalink)
aKe
AW: Festivalberichte - Rock am Ring 2005



netter bericht, sehr amüsant. konnte mir rock am ring dieses jahr leider nicht geben. finanzielle engpässe .... naja nach dem lesen hier ist es ja fast so als wär ich dabei gewesen

__________________
aKe ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 09.06.2005, 11:19   #3 (permalink)
AW: Festivalberichte - Rock am Ring 2005

Sauber David, wundervoll!

Ich verweise an dieser Stelle hierhin > http://www.boardplanet.net/showpost....2&postcount=73

NATÜRLICH MIT DER ERGÄNZUNG DAS AUCH ICH DABEI WAR ALS WIR ANDI UND JÖRG BESUCHT HABEN!
overdose ist offline   Mit Zitat antworten

Alt 09.06.2005, 14:21   #4 (permalink)
AW: Festivalberichte - Rock am Ring 2005

Klasse Bericht. Wirklich lesenswert.


Meiner steht auf http://www.planet-punk.de
rotnroll666 ist offline   Mit Zitat antworten
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