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Männer-WG


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Alt 22.04.2006, 00:34   #1 (permalink)
 
Männer-WG

Hab den Text grad zugeschickt bekommen. Vielleicht gabs den ja hier schonmal, (dann tuts mir aufrichtig leid) oder jemand kennt den schon (dann tuts mir nich leid)...naja, jedenfalls:

Die Geheimnisse der Männer-WG

Nach der Geburt muss der Mann noch genau zweimal in seinem Leben einen
wärmenden, schützenden Schoß verlassen. Das erste Mal, wenn er sein
Kinderzimmer räumt. Das zweite Mal, wenn er seine kuschelig-miefige
Junggesellen-WG verlässt, um mit einer Frau zusammenzuleben. Für viele
Männer ist dieser Schritt das wahre Geburtstrauma. Denn die Männer-WG ist
ein friedlicher, idyllischer Ort, eine arkadische Landschaft aus verstreuten
Tennissocken, Bundesliga-Stecktabellen, getrockneten Zimmerpalmen und
Sophie-Marceau-Plakaten. Der Schock ist groß, wenn wir aus diesem Paradies
vertrieben werden.

Vielleicht lässt sich die Männer-WG am besten anhand ihres spirituellen
Mittelpunktes erklären. Es ist der Bierkasten. Oder, richtiger: Die Kästen
Bier. Ganz egal, ob aus diesem getrunken wird, oder nicht - es geht immer
darum, "einen Kasten Bier im Haus zu haben". Dieser Kasten Bier ist der
augenfällige Beweis einer grundehrlichen, geradezu bauarbeiterhaften
Bodenständigkeit, die wir uns trotz unserer lahmen Schlipsträger-Jobs
bewahrt haben. Ein Mann braucht einen Bierkasten, um einem anderen Mann
seine Zuneigung auszudrücken: "Komm doch mal vorbei, wir haben auch `n
Kasten Bier im Haus."

Der Kasten dient außerdem als Legitimation aller möglichen Aktivitäten, die
ohne ihn ziellos, ja läppisch erscheinen würden: "Dann trommeln wir ein paar
Leute zusammen, schnappen uns einen Ball, gehen in den Park, und wir bringen
einen Kasten Bier mit." Zum Kasten Bier gehören in der Männer-WG zahlreiche
Rituale, etwa das, keinen Flaschenöffner zu haben, um die Flasche wortlos
mittels Feuerzeug, Rohrzange, Tischkante oder am Kasten selbst zu öffnen -
wobei die letzte Variante sicher die schönste ist, der Kasten Bier als
vollkommenes geschlossenes System. Kein Wunder übrigens, dass man Männer,
die lange in Männer-WGs gelebt haben, oft an einer kronkorkenförmigen Narbe
unter der Fußsohle erkennt.

Mit dem Kasten Bier, dessen Bedeutung gar nicht zu überschätzen ist, hängt
ein anderes Männer-WG-typisches Phänomen zusammen. Was den Protestanten ihr
Kirchentag, den Ravern ihre Love-Parade, den Telekom-Aktionären ihre
Hauptversammlung, das sind den in WGs organisierten Männern die
internationalen Fußballturniere EM und WM: ein großes sinnstiftendes
Gemeinschaftserlebnis. Allein das Bewusstsein, dass sich zur selben Zeit
Millionen andere genauso mit Erdnussflips und einem Kasten Bier vor dem
Fernseher gemütlich gemacht haben, schafft jenes quasi-erotische
Zusammengehörigkeitsgefühl, das man sonst nur durch Einnahme von Ecstasy
oder die Ausschüttung einer schönen Dividende erreicht.

Fast so wichtig wie der Kasten Bier ist der blaue Müllsack. Er reduziert
nicht nur die Gänge zum Container auf einen pro Monat, er garantiert auch,
dass der Kontakt zu den Eltern nicht völlig abreißt:

Etwa alle sechs bis acht Wochen schleppen WG-Männer ihre Schmutzwäsche in
dem von innen feucht beschlagenen blauen Müllsack zu Mama. Denn die
Männer-WG hat keine Waschmaschine oder benutzt sie nicht.

Das hat nichts mit Faulheit zu tun, ebenso wenig wie die diversen
Sedimentschichten Schmutzgeschirr. Vielmehr kommt es in Männer-WGs zu einer
physikalischen Anomalie von kosmischen Ausmaßen: Das Gesetz, dass Energie
nicht verloren gehen kann, wird in jeder Männer-WG tagein, tagaus aufs neue
widerlegt. Energie wird hier spurlos abgesaugt, bis selbst der größte
Ehrgeizling seine Aktivitäten darauf beschränkt, eine Kuhle in die
Fernsehcouch zu sitzen und ab und zu "machen wir morgen" und "bloß keinen
Stress" zu nuscheln.

Wenn überhaupt, denn nach jahre- langem Zusammenwohnen beschränkt sich die
verbale Kommunikation in der Männer-WG zumeist auf verschiedene Intonationen
des Koseworts "Alter". "Alter" ohne Betonung bedeutet: "Hallo, wie geht's,
wie war dein Tag?" "Alteeer", gedehnt: Ausdruck großer Begeisterung und
Anerkennung, etwa wenn ein Mitglied der WG Pizza geholt hat. "Alter!",
nachdrücklich: Du stehst im Bild. Man merkt schon, in der Männer-WG
herrschen vorzivilisatorische Zustände. Viele dort praktizierten
Verhaltensweisen sind nur als tiefverwurzelter Aberglaube zu erklären: Nie
den Klosettdeckel runterklappen, das bringt Unglück! Im Stehen pinkeln! Die
hinteren Regionen des Kühlschranks sind geschützter Lebensraum für mutierte
Nahrungsmittel und fuhr Menschen tabu! Comic-Lektüre erleichtert den
Stuhlgang! Das heikle Thema Toilettenlektüre hat in diesem Zusammenhang
besondere Beweiskraft: Wir Männer wollen es uns überall so gemütlich wie
möglich machen. Wir werden von einem Nesttrieb gesteuert, wie er in der
Tierwelt kein zweites Mal vorkommt. Wir haben den Schrebergarten, die
Eckkneipe und die Business-Class erfunden, damit wir es überall schön
heimelig haben: in der "Kolonie kleine Zuflucht", in "Lothi's
Prapelstübchen", in der "Executive-Lounge". Und eben in der Männer-WG.

Aus diesem Biotop werden wir jäh herausgerissen, wenn wir zum ersten Mal in
unserem Leben mit einer Frau zusammenziehen. Als unsere Männer-WG von der
Faust der heterosexuellen Anziehung zerschmettert wurde, ereilte alle meine
Freunde dasselbe Schicksal: Frauen, die in das Zusammenleben uns vorher
völlig unbekannte Komponenten hereinbrachten. Vor allem kalte, schneidende
Vernunft: "Wieso einen ganzen Kasten? Das trinken wir doch nie!" Früher
kauften wir Lebensmittel stückweise im Spätkauf der Tankstelle, jetzt
bekommen wir Einkaufszettel an die Hand, die in der Reihenfolge der
Warenregale im Verbrauchermarkt geordnet sind. Vorbei ist es auch mit der
geradezu Biolekschen Harmoniesucht, die wir aus der Männer-WG gewohnt waren.
Zum ersten Mal stellen wir fest, dass man Probleme auch anders lösen kann,
als sie vorm Fernseher oder auf dem Klo auszusitzen. Wir lernen, dass es
außerhalb der Männer-WG nicht zur Versöhnung reicht, dem anderen ein
blutiges Steak zu braten.

Am gravierendsten aber ist das Ende der Gemütlichkeit. In der Männer-WG
kamen Kumpels vorbei ("Habt ihr `n Kasten Bier da?"), heute haben wir Gäste.
Wir werden plötzlich gezwungen, uns Gedanken zu machen über Tischdecken,
Menüabfolgen und Gesprächsstoff, wo früher die Pizza aus dem Karton alle
drei Probleme auf einmal löste ("Mann, ist die Pizza heute wieder
schmierig." - "Kannste laut sagen."- "MANN, IST DIE PIZZA...", usw.).
(GROEOEOEOEOEHL!)

Wahrend der Mikrokosmos Männer-WG sich selbst genug ist, geraten wir nun
ständig mit der Außenwelt in Berührung: mit Theatern, Museen,
Einrichtungshäusern und mit den Müllcontainern hinten auf dem Hof. Erst im
Zusammenleben mit einer Frau werden wir langsam zu funktionstüchtigen
Mitgliedern der sozialen Gemeinschaft. Aber diese Evolution vom
Höhlenbewohner zum Homo lebensgefaehrtiensis ist ein schmerzhafter Prozess,
der uns viele Opfer abverlangt.

Zum Beispiel Kurts Hemden-Trick, der einem das Bügeln ersparte: ein
ungebügeltes Hemd einen Tag lang unter einem Pullover anziehen, so dass es
am nächsten Tag nicht mehr ungebügelt aussieht, sondern so, als sei es
gebügelt worden und dann am Körper zerknittert. Nun kann man das Hemd noch
zwei Tage ohne Pullover anziehen! Wir haben ihn dafür bewundert, Beate hat
ihm nahe gelegt, einen Bügelkurs zu belegen.

Frank pflegte seinen Sessel so vor den Fernseher zu schieben, dass er den
Fuß bequem auf den Fernsehtisch auflegen konnte, um mit der nackten Zehe die
Programme zu wechseln und die Lautstärke zu regeln. Eine schöne, körperliche
Form von Interaktivität, eine symbiotische Einheit von Mensch und Medium,
die langen Fernsehabenden eine geradezu metaphysische Qualität verlieh.
Karla hat einfach neue Batterien für die Fernbedienung gekauft, nachdem sie
zusammengezogen sind.

Vorbei die Zeiten, da wir uns mit dem heißen Eierwasser einen zeit- und
energiesparenden Beuteltee aufgossen. Noch schwerer aber fällt es uns,
Nudeln plötzlich ohne Hilfe der Küchendecke zu kochen. In unserer Männer-WG
hatten wir nämlich einen genialen Trick entwickelt, auf den man in
Christiane Herzogs Kochstudio lange warten kann: Um festzustellen, wann
Spaghetti fertig sind, nimmt man ein paar aus dem Topf und schleudert sie an
die Decke. Fallen sie wieder herunter, so sind sie noch zu hart. Bleiben sie
kleben, sind sie genau richtig.
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Alt 22.04.2006, 10:15   #2 (permalink)
 
AW: Männer-WG

Ein schöner Text, schöne feine Anspielungen. Wirklich gelungen. (Sowas sage ich selten)
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