Mondscheinkind


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Alt 12.07.2003, 21:31   #1 (permalink)
Mondscheinkind

Mondscheinkind
Widmung : Nehemia

Schwarz locken sich Haare samten, unter dem fahlen Licht des müden Mondes. Der Nebel schwebt in seichten Schwaden am Fenster vorbei und versucht eindringlich durch die schmalen Fensterritzen zu kriechen, während in der lauen Sommerbrise die Nacht ihre letzten Rufe von dannen trägt.
Im morastigen Spiegelbild der Fensterscheiben, kann ich letzte Tränenspuren funkeln sehen. Im Augenwinkel zerflossen, auf den Wangen zerteilt und schließlich auf den weichen Kissen zerschellt, wurden sie noch vor wenigen Stunden gierig vom Stoff aufgezogen.
Trist scheint die einheitliche Farbgebung der Dunkelheit.
Der Raum atmet schwer.
Die Graufacetten, die sich über alle Einzelheiten des Zimmers ziehen, erdrücken die letzte Lebenslust und machen mich schwermütig in meinen Gedankengängen. Die Uhr tickt gemütlich und monoton und ich komme nicht darum herum, ihren Zeigerschlag mit meinem Herzschlag zu vergleichen.
Die Mondstrahlen werfen ihren klaren Schein auf deine kindliche Gesichtszüge. Volle, weiche Lippen mit zarten Konturen laden zum Spiel mit den Worten ein, an dessen Genuss wir uns schon am Vorabend labten. Die Stupsnase zu niedlich, um sich mit den langen Wimpern des Augenaufschlages messen zu können. An deinen Wangen ringeln sich schwarze Locken zu kräuselnden Wellen.
Während ich meinen Herzschlag mit dem des Uhrzeigers vergleiche, fällt mir auf, dass er bergab schneller tickt, als bergauf.
Ich möchte einschlafen unter deinen bedächtig gesetzten Atemzügen. Die gewagte Schöpfung meiner Sinne verlangt nach Träumen und ich spüre mich sehnsüchtig nach dem Fenster blicken, um die Nebelschwaden hereinzulassen.
Die hellen Vorhänge sind fast ganz zugezogen und lassen doch das fahle Mondlicht hindurch. Die kunstvollen Bestickungen auf ihrer Oberfläche, zeigen ein Mondscheinkind, dass unter den Sternen wandert und die heruntergefallenen aufsammelt, um sie später wieder an der Himmelswölbung anzubringen.
Die kindliche Gestalt hat dunkle Locken, die fröhlich über ihren Rücken fallen und trägt ein kurzes seidiges Kleid, dass mit kleinen Spangen zusammengehalten wird. Es dreht sich um, lacht mich an und sieht kurz darauf wieder zum Fenster hinaus.
Der ereignisreiche Vorabend und die sinnestäuschenden Getränke tränken jede klare Wahrnehmung mit Illusion. Und trotzdem stehe ich auf und gehe zum Fenster.
Der Raum atmet schwer.
Ich schiebe die Vorhänge zur Seite und öffne das Fenster. Kühle Nachtluft strömt herein.
Erleichtert und beruhigt lege ich mich wieder zu dir in die weichen Kissen und Decken, um endlich die befreiende Schwere des Nebels auf meinem Körper zu spüren.
Der Mond verschwindet für einige Sekunden hinter einer Wolkenfassade, bevor sein klares Licht wieder über dein Antlitz streicht.
Ich lächle müde, als ich deine Locken betrachte und schlafe ein.
Der Raum atmet ruhiger.
Nun zieren einzelne graue Strähnen dein dunkles Haar.
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