Ne kleine Geschichte...


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Alt 28.01.2003, 16:10   #1 (permalink)
Ne kleine Geschichte...

FRÖSCHE

Es gibt Bücher mit Berichten über einen Ort namens Südamerika, und da
gibt's Berge, und es ist warm, und es regnet dauernd, und in den
Regenwäldern gibt es große Bäume, und ganz oben in den Wipfeln gibt's
große Blumen, sie heißen Bromelien, und Regenwasser sammelt sich in
den großen Blüten, formt kleine Teiche darin, und es gibt Frösche, die
ihre Eier in diese Teiche legen, und Kaulquappen schlüpfen daraus,
wachsen zu neuen Fröschen heran, und diese kleinen Frösche verbringen
ihr ganzes Leben in den Blumen, und sie wissen gar nicht, dass die Welt
einen Boden hat, und sobald man weiß, dass die Welt noch viel mehr Dinge
enthält, ist das Leben nicht mehr so wie vorher.

Ein Frosch hatte einige jüngere Frösche zum Blattrand am Ende der Blumenwelt
geführt. Sie starrten zum Ast. Vor ihnen erstreckte sich ein dunstiger Kosmos, der
nicht nur eine Blume enthielt, sondern Dutzende, woraus sich ein Problem für Frösche ergab: Sie konnten nur bis eins zählen. Sie sahen jetzt vielfaches Eins.
Und sie starrten zu den anderen Blumen. Wenn's ums Starren geht, sind Frösche wahre Meister. Das Denken fällt ihnen wesentlich schwerer. Es wäre nett, hier darauf hinzuweisen, dass die Frösche lange über die neuen Blumen nachdachten, über das Leben in der alten und die Notwendigkeit von Forschungsreisen ins Unbekannte, auch über die Hypothese, dass sich die Welt nicht nur auf einen von Blütenblättern gesäumten Teich beschränkte.
Stattdessen dachten die Frösche: .-.-. mipmip .-.-. mipmip .-.-. mipmip.
Aber ihre Gefühle fanden in einer Blume nicht mehr genug Platz. Langsam und zögernd rutschten sie auf den Ast, ohne zu wissen, was sie dazu veranlasste.
Einer der Frösche fiel vom Ast und verschwand stumm zwischen den Blättern
tief unten. Sehr kleine Tiere können weit fallen, ohne sich zu verletzen. Es ist also durchaus möglich, dass der Frosch im Wald unterm Baum überlebte und dort
Erfahrungen machte, die auf der Liste aller interessanten Froscherfahrungen an
zweiter Stelle stehen. Die übrigen Frösche setzten den Weg fort.
Die Frösche befanden sich jetzt weit draußen auf dem Ast. Zunächst hatten
sie nur eine glatte Fläche aus graugrünem Holz gesehen, doch nun erwies sich die neue Umgebung als ein Durcheinander aus rauer Borke, Wurzeln und Moospfladen – ein Kosmos des Schreckens für Frösche, die ihr ganzes Leben in einer Welt mit
Blütenblättern am Rand verbracht hatten.
Trotzdem krochen sie weiter. Die Bedeutung des Wortes 'Rückzug' war ihnen
völlig unbekannt. Ebenso wie die aller anderen Wörter.
Die Gefahren beschränkten sich nicht nur darauf, vom Ast zu fallen. Ein
Frosch wurde von einer Eidechse verschlungen. Einige andere kehrten um, kaum hatten sie den Schatten der Blume verlassen.
Ihre Erklärung lautete: ".-.-. mipmip .-.-. mipmip .-.-."
Der Frosch ganz vorn drehte sich um und beobachtete die kleiner werdende
Gruppe. Er sah einen ... und einen ... und einen... und einen ... und noch einen, insgesamt also - er runzelte die Stirn, als er zu addieren versuchte - ja, genau, einer. Mehrere einer fürchteten sich, und der Anführer begriff: Wenn sie jemals eine neue Blume erreichten und dort überleben wollten, brauchten sie mehr als nur einen Frosch. Sie benötigten mindestens einen, vielleicht sogar einen. Er quakte ermutigend.
"Mipmip", sagte er.

Der Frosch ganz vorn rang mit einer neuen Idee. Er war sich vage bewusst, dass er neue Gedanken brauchte. Er entsann sich an die Welt, mit einem Teich in der Mitte und Blütenblättern am Rand. Eins.
Doch etwas weiter entfernt am Ast lockte noch eine andere Welt, und sie sah genauso aus wie jene Blume, die sie verlassen hatten. Eins.
Der erste Frosch saß auf einem Moospfladen und drehte die Augen unabhängig voneinander, so dass er beide Welten gleichzeitig beobachten konnte.
Eine dort. Und eine dort.
Eins. Und eins.
Tiefe Falten formten sich in der Stirn des Frosches, als er versuchte, mit völlig neuen Vorstellungen fertig zu werden. Eins und eins ... Daraus ergab sich eins. Aber wenn man hier ein eins hatte und dort ebenfalls ...
Die übrigen Frösche warteten verwundert, als die Augen ihres Anführers rollten.
Eins hier und eins dort - es musste mehr sein als eins. Die Blumen befanden sich zu weit auseinander. Man benötigte ein Wort, das beiden galt. Es lautete ...
Es lautete ... Der Frosch öffnete den Mund und grinste so breit, dass sich seine Lippen fast am Hinterkopf trafen.
Das richtige Wort war ihm gerade eingefallen.
".-.-. mipmip .-.-.", quakte er.
Es bedeutete: Eins. Und noch eins.
Die übrig gebliebenen Frösche krochen übers Moos, um der heißen Nachmittagssonne zu entkommen. Tief am östlichen Horizont zeigte sich weißer Glanz.
Es wäre nett sich vorzustellen, dass es bei den Fröschen Legenden darüber gab . Es wäre nett sich vorzustellen, dass sie Sonne und Mond für ferne Blumen hielten - eine gelbe am Tag, und eine weiße in der Nacht. Es wäre nett sich vorzustellen, dass Legenden folgendes berichteten: Wenn ein guter Frosch starb, so schwebte seine Seele zu den großen Blumen am Himmel.
Das Problem ist: Wir sprechen hier von Fröschen.
Ihr Name für die Sonne lautete ".-.-. mipmip .-.-.", und den Mond nannten sie
".-.-. mipmip .-.-." Für sie hieß alles ".-.-. mipmip .-.-.", und wenn das Vokabular nur aus einem Wort besteht, ist es schwer, Legenden zu entwickeln.
Die Blütenblätter erzittern kaum, als sich drei sehr kleine und sehr gelbe Frösche aufrichten und überrascht das klar frische Wasser betrachten. Zwei von ihnen blicken zu ihrem Anführer und erwarten von ihm einen Kommentar angesichts dieses
historischen Moments.
Der erste Frosch sagt würdevoll: ".-.-. mipmip .-.-."
Und dann rutschen sie über die Blätter ins Wasser...
The End
Neobe ist offline   Mit Zitat antworten

Alt 04.02.2003, 17:48   #2 (permalink)
und die soll klein sein???

aber schön ....



... wie war das wort????



ahhh ja.......




......GEISTREICH!!!!!
__________________

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NIGHTHAWK ist offline   Mit Zitat antworten
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